Grappa: Länderspiel Italien-Schweiz -Zitterpartie für die Tifosi

 

Stefan Keller - Wie gut sind sie wirklich, die hochgelobten und teuer bezahlten italienischen Edelgrappe? Ein Team des Schweizer Schnaps Forum reiste ins Mutterland des Tresterbrands, mit im Gepäck elf einheimische Destillate, und forderte zum Zweikampf heraus. Die Italiener kamen mit einem blauen Auge davon.

 

 

Ein Jahr ist's her, da veranstaltete das Schweizer Schnaps Forum in Zürich das Traumfinale: Schweiz-Italien. Eine Squadra von elf italienischen Grappe spielte gegen ebenso viele Tresterbrände aus der Schweiz. In ausgelosten Paarungen - allein der Spielleiter kannte die Verteilung - kam es zu elf Zweikämpfen. Die Degustatoren hatten bloss zu entscheiden, welches der beiden Gläser sie bevorzugen, den Kelch links oder den Kelch rechts. Im Zürcher Neumarkt erlitt die Squadra azzurra eine veritable Schlappe: nur gerade zwei Mal vermochten sich ihre Stars gegen die tiefklassiger eingestuften Schweizer durchzusetzen. Das Treffen endete 9:2 und ging als "Das Wunder von Zürich" in die Geschichte ein. Das Resultat macht misstrauisch. Lag es an einer unausgewogenen Auswahl? Kam den Schweizern grosses Losglück zugute? Oder - so die heisseste Vermutung - liegt es an der Konditionierung, an der speziellen Ausformung helvetischen Geruchs- und Geschmackssinns? Dagegen sprach eigentlich, dass kaum einer der Degustatoren in Zürich in der Lage war, verlässlich das Herkunftsland einer Probe zu bestimmen. Wie auch immer: das irritierende Resultat verlangte nach einer Überprüfung, und zwar auf italienischem Terrain, mit einer Squadra azzura von einem italienischen Coach zusammengestellt und mit italienischen Degustatoren. So geschehen Mitte November 2003 im Val Chiavenna in der Lombardei.

 

Die Schweizer Elf, anhand der Resultate der vom Schweizer Schnaps Forum jährlich durchgeführten nationalen Prämierung selektioniert, wurde von einem halben Dutzend Schlachtenbummlern begleitet, die auch als Degustatoren zum Einsatz kamen. Die italienische Auswahl oblag dem lokalen Präsidenten der AIS (Associazione Italiana Sommeliers), der ebenfalls ein halbes Dutzend Degustatoren aufgeboten hatte.

 

Nach den ersten drei Rencontres sah man geknickte Schweizer und strahlende Tifosi und der italienische Coach schien vor Zufriedenheit - also, wir wussten es doch! - fast zu zerplatzen. Zweimal das Verdikt 11:1 und einmal 8:4, für die Schweizer zappenduster, ohne Wenn und Aber.

 

Der einzige Tessiner Spieler im Schweizer Team (Grappa Nostrano Paravicini), rustikal und nicht ganz stilsicher, ging gegen den souveränen Dolcetto von Marolo unter, und so erging es auch dem diskreten Spiezer Grapbianca gegen den überschwänglichen Moscato Rosa aus dem Rennstall von Zeni. Mehrheitlich gab die Jury auch dem aufgezuckerten und folglich lieblichen Gaiarino von Mascio gegenüber dem herbwürzigen Syrah des Lauerzers Toni Z'Graggen den Vorrang. War der Mist bereits geführt und alles nur noch eine Frage des Resultats? Diese Stimmung lag in der Luft - bis die vierte Paarung aufgedeckt wurde. Sie brachte den ersten Punkt für die Schweiz, erzielt durch den Semi-Schweizer Telsner aus Lichtenstein. Sein lupenreiner Blauburgunder Marc liess den Ribolla aus dem Brennhafen der Grappa-Legende Nonino ins Leere laufen. Doppelt irritierend für die Tifosi war der Umstand, dass sie - wie bis anhin - die Provenienz des Siegers in ihrem Land vermuteten. Bös erging es auch Vittorio Capovillas Grappa gegen den Marc vom Schloss Heidegg; ebenso plötzlich wie unerwartet schien der Ausgang der Partie wieder offen.

 

Eigentlich hätte der nächste Punkt den Ausgleich bringen sollen, standen sich doch Schlossherr Gian-Battista von Tscharner und der Südtiroler Feldmarschall Tiefenbrunner gegenüber, beide mit einem Brand aus Müller-Thurgau-Trester. Tscharners federfeiner Marc aus RieslingxSilvaner wurde in der Prämierung 2003 des Schweizer Schnaps Forum zu Recht als "Schnaps des Jahres" ausgezeichnet; er unterlag mit einem Verhältnis von 9:3 gegen den lauten und sich zugleich ausgesprochen lieblich gebärdenden Feldmarschall aus dem Alto Adige.

 

Zwei Punkte Vorsprung für die italienischen Grappe! Und sie machten weiter Druck. Der strenge Sforzato aus der Valtellineser Distillerie Schenatti servierte den zarten RxS-Tresterbrand des Luzerner Winzers Toni Ottiger ab. Die nächste Rencontre zwischen dem Pinot gris-Marc von Gian-Battista von Tscharner und dem Sfursat- Grappa von Negri (destilliert von Schenatti, Tirano) endete mit einen Remis und mit dem Zwischenstand von 5:3. Soviel stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest: für die Eidgenossen lag im besten Fall noch ein Unentschieden drin. Dafür kämpften sie wie die Löwen mit einem RxS der Weinbaugenossenschaft Oberhofen, der den Sarpa aus dem renommierten Hause Poli klar distanzierte und dem spektakulären Marc de Muscat des Seeländers Heinz Zürcher, der Antinoris Tignanello mit einem 12: 0 demütigte. Nur noch einen Punkt lagen die Italiener vor dem entscheidenden letzten Gang in Vorsprung, die Stimmung hatte den Siedepunkt erreicht.

 

Die letzte Auslosung - ein Kampf der Titanen. Angelo Gaja versus Dani und Martha Gantenbein, Nebbiolo versus Riesling x Silvaner. Ungewöhnlich homogen bevorzugten die beiden Degustatorengruppen (Schweizer/Italiener) das Produkt aus ihrem Herkunftsland. Den Ausschlag gaben die Abweichler: auf italienischer Seite einer, auf Schweizer Seite zwei, und damit kam das entscheidende 7:5 für Italien in der letzten Paarung zu Stande. Auf der Anzeigetafel leuchtete gross das Schlussresultat: Italia-Svizzera 7:5!

 

Nachdem der erste Pulverdampf verzogen ist, zeigt die Spielanalyse Folgendes: die Bewertungen innerhalb der beiden Gruppen (die Resultate der je sechs Degustatoren aus der Schweiz beziehungsweise aus Italien separat ausgewertet) sind identisch mit dem Gesamtresultat. In beiden Teams wurden je 36 Stimmen für die italienischen und 32 Stimmen für die schweizerischen Tresterbrände abgegeben. Je vier von sechs Degustatoren bevorzugten knapp die italienischen Brände. Aber: je ein Schweizer und ein italienischer Degustator - und zwar die versiertesten! - bevorzugten ganz klar die Destillate ihres Herkunftslandes. Denn Unterschiede sind für geübte Verkoster - wenn auch nicht in jedem Fall - durchaus erkennbar und lassen sich zuordnen. Italienische Grappe beispielsweise sind im Geschmack oft süsslich, denn das Beifügen von Zucker ist hier nicht nur erlaubt, im Gegensatz zur Schweiz, sondern praxis. Bei der nationalen Prämierung des Schweizer Schnaps Forum sind Brände mit Zuckerzusatz - ausser es handelt sich um Vieilles Produkte oder Liköre - verpönt. Eine weitere Schweizer Eigenart: viele Brände werden aus Trestern weisser, aromatischer Varietäten gebrannt (RieslingxSilvaner, Pinot gris, Gewürztraminer). Sie ergeben oft duftige und zarte Destillate und sind im Vergleich zu Trestern roter Sorten (Nebbiolo, Barbera, Sangiovese) von anderem Schrot und Korn.