31.10.2010 Auf Schlemmertempel-Tour

 

CHRISTIAN SCHREIBER - Genüsslich durchs Ländle, von einem Gourmetrestaurant zum andern - da liegt auch schon mal eine Schnapsbrennerei auf dem Weg.

 

Wie ein kleines Kind freut sich Leander Schädler. Aufgeregt rutscht er auf dem Sofa des Hotels Sonnenhof in Vaduz hin und her. Er weiss schon, was kommt. Der Kellner bringt ein schaumiges Champagnersüppchen, dann das Duett von Bodenseezander und Räucheraal. Beide Gänge sind fantastisch. Für das in Olivenöl pochierte Angusrind fehlen gar die Superlative. Zusammen mit Küchenchef Hubertus Real hat Schädler das Menü ausgewählt. Es darf keine Wiederholungen geben, wenn er seine Gäste an drei Tagen in mindestens vier verschiedene Gourmetrestaurants in Liechtenstein führt. Die Lokale bringen es zusammen auf mehr als 60 «Gault Millau»-Punkte.

 

Schädler ist der erste VIP-Guide im Ländle. Freilich braucht man keinen Führer, um die Gourmetrestaurants anzusteuern, die sich auf den paar Quadratkilometern des Kleinstaates finden. Aber der 52-Jährige ist gleichzeitig Berater und Butler, Charmeur und Chauffeur für die Geniessergäste, die er nach Liechtenstein lockt.

 

Das Whiskydinner wird von der Dudelsackgruppe gekrönt

Mit Hingabe hat Schädler ein Konzept kreiert, als würde ein Küchenchef ein Spitzenmenü erfinden. Zwei bis drei Tage will er Kochklubs oder Weinfreunden einen All-inclusive-Service bieten, bei dem alles drin ist: vom Transfer mit Limousine ab Bahnhof über Degustationen in Kaffeerösterei und Brauerei bis zu den Sieben-Gänge-Menüs in den Esstempeln. Es gibt zwar ein fertiges Drei-Tages-Programm, aber das soll nur als Orientierung dienen. Die Gäste dürfen sich aus einem Ideenkatalog ihre Rosinen rauspicken und können das Whiskydinner zum Beispiel mit dem Vortrag einer Dudelsackgruppe krönen oder sich zum Picknicken in die Weinberge zurückziehen. Vor allem Schweizer Touristen hat Schädler im Auge. Und die müssen nicht nur ein Faible für das Feine mitbringen, sondern auch eine dicke Brieftasche. 1000 Franken pro Tag können schnell zusammenkommen.

 

Bisher hat Schädler nur Staatsgäste mit auf seinen Gourmettrip genommen. Kürzlich war er mit den Frauen einer hochrangigen Richterdelegation unterwegs, hat die Tour mit einer Wanderung begonnen und die Damen in die heimische Küche reinschmecken lassen, ehe es zum Edeldinner ging. «Jeder soll seine Wünsche äussern, ich mache alles, damit es auch klappt», sagt Schädler. Wer ihn bucht, muss zwar keinen VIP-Status besitzen, wird sich aber fühlen wie ein Promi. Schliesslich kann er mit seinen Gästen auch mal in der Küche auftauchen, sie ins Landesparlament einschleusen, weil er als Abgeordneter dort Zugang hat. Oder Exklusivführungen durch die Museen von Vaduz organisieren.

 

Wir haben uns vornehmlich kulinarische Programmpunkte ausgesucht. Und so chauffiert uns Schädler am Nachmittag zur Schnapsbrennerei Telser, in deren Showroom Firmenchef Marcel Telser die VIP-Gäste persönlich empfängt. Eigentlich hat er keine Zeit für Führungen, arbeitet im Hauptberuf noch als Verwaltungsrat. Aber für Leander Schädler öffnet er sogar die Tür zum Brennraum. Holzfeuer macht den Kupferkesseln ordentlich Dampf. Telser schwört auf die altmodische Methode und ist überzeugt, dass es seinem Telsington die richtige Note verleiht. 2006 hat er begonnen, den ersten «Liechtensteiner Whisky» zu destillieren, der mittlerweile hoch dekoriert ist. Wir kosten ein Gläschen und nicken eifrig, als die Experten über «herbwürzige Kakao- und dezente Tabaknoten» fachsimpeln. «Davon können Sie eine halbe Flasche trinken, ohne Kopfweh zu kriegen. Das habe ich schon oft probiert», sagt Telser zum Abschied.

 

Als es zur Fürstlichen Hofkellerei geht, merken wir, dass unser Programm ein bisschen zu ambitioniert ist. Auch hier wartet der Chef des Hauses, Gerhard Büchel, auf die VIP-Gäste und winkt sogleich mit den Gläsern. Immerhin können wir jetzt auch ein bisschen mitreden und bescheiden dem Pinot noir einen trockenen und blumigen Charakter, worauf die Experten freundlich nicken.

 

Der Spaziergang endet beim Restaurant mitten im Rebhang

Auch in der Hofkellerei gilt das VIP-Prinzip: Kellermeister Büchel führt uns durch das Gut und erklärt den Weinbau in Liechtenstein, der bereits im fünften Jahrhundert begründet wurde. Wir landen schliesslich im Wingert, wo sich Büchel eine Handvoll Erde greift und runterrieseln lässt. «Leicht, durchlässig, kalkreich, ideal für unsere Weine.» Der Spaziergang endet beim Restaurant Torkel, mitten im Rebhang. Früher wurden hier die Reben gepresst, der Torkelbaum mitten im Gastraum aus zwölf Tonnen Eiche ist gewichtiger Zeuge. An der Wand hängen romantisch-verträumte Heimatbilder, und auf den Holztischen liegt eine topmoderne Karte für unser Abendessen. Das exzellente Fischmenü, unter anderem mit rohem Thunfisch und Spaghetti Gambas, hat Küchenchef und Betreiber Rolf Berger kreiert. Der Zürcher Oberländer gehörte vor 26 Jahren zu den Gourmetpionieren in Liechtenstein. Er hält sein Haus an der Spitze, was den neuen «Gault Millau» zu Lob veranlasst: «Rolf Berger kocht wieder auf dem Niveau seiner besten Tage.»

 

 

Zum Schluss schmeisst der Gerühmte noch eine Runde. Und noch eine. Leander Schädler zieht mit, er ist zufrieden, weil der Tag perfekt lief. Nur Chauffeur darf er heute nicht mehr spielen. Das Taxi bringt uns ins Hotel.

 

______________________________________________

Die Reise wurde unterstützt von Liechtenstein Tourismus.

Publiziert am 31.10.2010